Wohnung zerstört, Essen weg

von m. swiergot (Kommentare: 0)

Traktorspuren in einer Wiese
Katastrophenalarm für Insekten. Foto: petersda@pixabay

Seit über einem Jahr beobachte ich nun die Wiese und kann es kaum mit ansehen, wie sie immer wieder zurückgeworfen wird – gerade dann, wenn sie sich erholt hat und versucht, ihre natürliche Balance wieder herzustellen.

Nach der üblichen Herbstmahd durch den Umweltbetrieb fällt mir auf, wie tief die Reifenspuren sind, die der Trecker hinterlässt. Wenn man weiß, dass etwa 75 Prozent der Wildbienen gar keine »Hotels« brauchen, weil sie im Boden nisten, ist das ziemlich ernüchternd. Ganz zu schweigen von den unzähligen Schnecken, Käfern, Regenwürmern, Schmetterlingsraupen. Was nicht beim Mähen zerhäckselt wird, wird spätestens durch die Reifen zerquetscht.

Im Frühjahr ist es dasselbe Spiel. Ab etwa Mai wächst in der oberen Wiese die Vogelwicke und zieht mit ihren zahlreichen kleinen violetten Blüten viele Wildbienen an. Es summt und brummt dann überall, dass es eine Freude ist. Doch spätestens im Juni kommt die Mähmaschine, und auf einen Schlag verschwinden alle Blütenpflanzen. Nach der Mahd herrscht auf der Wiese immer eine gespenstische Stille. Sogar die Maulwürfe flüchten nach oben in die Schrebergartenkolonie, so erzählen es einige Gartenbesitzer.

Unweigerlich muss ich an Rachel Carsons Klassiker »Der stumme Frühling« denken. Wie würde es uns wohl ergehen, wenn alle sechs Monate unsere Wohnung abgerissen würde und jede Woche direkt nach dem Samstagseinkauf jemand unseren Kühlschrank zertrümmerte? Ich glaube, eine Major Depression mit anschließendem Suizid wäre die natürliche Reaktion.

An Carsons Buch ist gut zu sehen, dass der Schwund der Artenvielfalt kein Phänomen des 21. Jahrhunderts ist. Die Biologin und Journalistin hat schon vor etwa 50 Jahren auf die Folgen unseres Lebens und Wirtschaftens hingewiesen. Ihre Kritik an den großflächigen Pestizideinsätzen in den USA hat für einen heftigen Beißreflex der chemischen Industrie gesorgt, Carson wurde dadurch zur Vorreiterin der Umweltbewegung.

Dabei war selbst die Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts nur eine Zwischenstation auf dem Weg der Zerstörung von Lebensräumen und Arten. Denn schon 100 Jahre früher klagten Naturschützer über die Begradigung unserer großen Flüsse, über die Trockenlegung von Mooren und Auen, über den Verlust der Heiden. Und 1917 schrieb die Pazifistin Rosa Luxemburg in ihren Briefen aus dem Gefängnis über den Rückgang der Singvögel: »Das Bild des Untergangs dieser wehrlosen kleinen Geschöpfe« schmerze sie so sehr, dass sie weinen müsse.

Luxemburg ist Zeitzeugin im neuen Buch von Tanja Busse – »Das Sterben der anderen«. Sehr fundiert und anschaulich erklärt die Journalistin da, wie es sein kann, dass unser Wissen vom Artenschwund uns schon so lange begleitet, wir aber keine Taten folgen lassen. Sie zitiert dafür den Meeresbiologen Daniel Pauly, der den Begriff der »shifting baselines« geprägt hat. Er bedeutet, dass jede neue Generation weniger Arten vorfindet als noch die Elterngeneration. Der Rückgang als solcher wird aber gar nicht erkannt, da er nie persönlich erfahren wurde. Was schon vorher verschwunden war, kann man auch nicht vermissen.

Für den Naturschutz ist das fatal, denn so ist jede Generation vom Artenreichtum auf der Erde immer wieder neu fasziniert, obwohl schon viele Spezies ausgestorben sind oder die Bestände sich drastisch reduziert haben. Womöglich sind wir die erste Generation, der die Tiere und Pflanzen tatsächlich vor laufender Kamera hinwegsterben, weil der Prozess sich exponentiell beschleunigt.

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