Großes Ochsenauge auf Flockenblume
Großes Ochsenauge auf Flockenblume. Foto: Pezibear@pixabay

Um was geht es hier?

Eine sogenannte Freiluftschneise in Bielefeld soll ab 2019 wieder in eine artenreiche Glatthaferwiese umgewandelt werden. Über lange Zeit hat die Stadt diese Grünbrache zweimal im Jahr gemäht, das Gras blieb als Mulch liegen. Dadurch wird eine Wiese zwar grüner, aber auch artenärmer.

Als Wiesenpatin möchte ich dies künftig ändern. Sensen und Heu abräumen heißt das Motto, denn wenn kein Gras liegenbleibt, gelangen weniger Nährstoffe in den Boden – ideale Bedingungen für unsere Wiesenblumen, die viel Licht brauchen und keine Überdüngung mögen. Außerdem ist die Sensen-Mahd schonender für die Tiere: Einerseits werden sie nicht vom Schneidmesser zerhäckselt, andererseits kann in Abschnitten gemäht werden, sodass die Tiere in den ungemähten Bereich wechseln können.

Auf den folgenden Seiten möchte ich die Umwandlung der Wiese in Wort und Bild dokumentieren, um andere Menschen mit ähnlichen Plänen zu ermutigen. Besondere Vorkommnisse, aber auch Freuden und Ärgernisse halte ich in einem Tagebuch fest. Sollten Sie dann Lust bekommen sich ebenfalls zu engagieren: Klopfen Sie doch mal bei den örtlichen Naturschutzvereinen an, da wird aktiv draußen gearbeitet. Oder fragen Sie den städtischen Umweltbetrieb nach einer Pflegefläche. Seit einigen Jahren setzt Bielefeld auf mehr Biodiversität (Projekt Schlosshofbach), die Chancen stehen also gut.

Glatthaferwiese

Vor etwa 50 Jahren waren diese klassischen Blumenwiesen in Deutschland noch weit verbreitet. Sie wurden in der Regel zweimal im Jahr gemäht, um das Heu ans Vieh zu verfüttern. Durch diese Mahd entstand – ähnlich der Beweidung im Alpenraum – der bunte und wertvolle Lebensraum "Wiese", den wir heute nur noch aus der Erinnerung oder aus dem Urlaub kennen. Manche Wissenschaftler vergleichen den Artenreichtum einer Mahd-Wiese mit dem des tropischen Regenwaldes (Uni Hamburg, Newsletter-Archiv).

Die typische Art dieser Wiesen ist zwar der Glatthafer, es kommen aber weitaus mehr Gräser und Kräuter darin vor, so die Wiesenmargerite, die Schafgarbe, verschiedene Glockenblumen oder der Wiesenpippau. Bis zu 35 Arten werden heutzutage in Glatthaferwiesen gezählt, vor einigen Jahrzehnten waren es noch über 60 (Quelle: LANUV). In Süddeutschland sind sie traditionell artenreicher, aber ebenso selten geworden wie im Norden. So haben sie Eingang in die sogenannte FFH-Richtlinie der EU von 1992 gefunden.

FFH bedeutet »Fauna – Flora – Habitat« und hat den Erhalt der biologischen Vielfalt zum Ziel. Für ein europaweites Netz von Schutzgebieten, Natura 2000 genannt, wurden deshalb verschiedene Lebensraum-Typen und Arten definiert. Die Glatthaferwiese zum Beispiel heißt offiziell LRT 6510 – »artenreiche, extensiv bewirtschaftete Mähwiese des Flach- und Hügellandes«. Über diese LRT und ihre Bewohner sowie deren Zustand müssen die Länder regelmäßig an die EU berichten, zuletzt im August 2019.

EU leitet rechtliche Schritte gegen Deutschland ein

Am Beispiel NRW wird deutlich, wie schlecht es um die Mähwiesen im ganzen Land bestellt ist: Sowohl der aktuelle Zustand als auch die Aussichten sind miserabel (siehe unter 'NRW-Bericht mit Karten' > 'Anhang D'). In der Roten Liste der gefährdeten Biotoptypen Deutschlands (Stand 2017) gelten artenreiche Wiesen sogar als »stark gefährdet« und »von vollständiger Vernichtung bedroht«. Hauptgrund ist die intensivere Nutzung der Flächen, meist für die Silage- oder Biomasse-Produktion, ebenso aber die Flächenaufgabe und anschließende Verbuschung.

Der NABU hatte die Untätigkeit der Politik im Hinblick auf den stetigen Verlust der Wiesen schon 2014 bemängelt und Beschwerde in Brüssel eingereicht. Im Juli nun hat die EU-Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik eingeleitet. Deutschland komme »seiner Verpflichtung nicht nach, die Verschlechterung zweier Lebensraumtypen zu verhindern«.

Die Floristisch-soziologische Arbeitsgemeinschaft in Osnabrück ruft seit 2019 übrigens eine „Pflanzengesellschaft des Jahres“ aus – ähnlich der Pflanze oder dem Tier des Jahres. Hintergrund ist der Gedanke, dass nicht nur einzelne Arten, sondern ganze Verbundsysteme bedroht sind, was sich in der FFH-Richtlinie ja ebenfalls ausdrückt. Und wer hatte zum Einstand die fragwürdige »Ehre«? – Genau, die Glatthaferwiese. 2020 ist der Borstgrasrasen dran, auch er ein bedrohter Lebensraum. Hier gibt es noch mehr Wissenswertes zu diesen Wiesentypen: Tuexenia.