Rechen, rechen und: rechen

von m. swiergot

Heuschwaden
Die obere Wiese neben dem Blumenbeet.

Es gibt da diesen netten Spruch, den schon der Opa kannte: Hinterher ist man immer schlauer. – Hätte ich gewusst, was es bedeutet, den Grasmulch auf einer 30 Ar großen Fläche zusammenzurechen, und das bei Temperaturen zwischen 25 und 35 Grad, ich wäre wohl lieber ein Eis essen gegangen. Nein, 50 Eis essen gegangen.

Die Wiese ist durch das jahrelange Mulchen offensichtlich sehr fett geworden. Mitte Mai stand sie mannshoch fraushoch, also ca. 1,70 Meter, und ich hatte weder eine Sense noch Bedienstete zur Hand. Also fuhr der Umweltbetrieb ein letztes Mal mit dem Mulchmäher. Leider, denn die Insekten sollten es dieses Jahr eigentlich schon besser haben.

So wollte ich wenigstens das Heu abräumen, damit die Wiese schon diesen Sommer von der Umstellung profitieren kann. Anfang Juni machte ich mich also frisch ans Werk. Noch eben einen kleinen günstigen Heurechen im Baumarkt gekauft, und ab ging es auf die Wiese.

In den ersten Tagen war ich noch ganz zuversichtlich. Und geduldig. Penibel rechte ich den feinen Mulch in langen Reihen zusammen und arbeitete mich so auf der oberen Wiese langsam abwärts. Auch wenn schon bald die Arme und Schultern schmerzten, nach einer Woche gar der ganze Rücken verspannt war, ich blieb eisern dabei. Aus den Reihen wurden bald Haufen, aus den Haufen Berge.

Doch natürlich konnte ich nicht jeden Tag mehrere Stunden auf der Wiese verbringen. Es gab andere Verpflichtungen, Verabredungen, Termine. Immer wieder entstanden Pausen von zwei, drei Tagen. Das Gras auf der Wiese hingegen hatte keine Termine. In meiner Abwesenheit fing es einfach wieder an zu wachsen. Und das war nicht nett.

Je weiter ich mich die Fläche hinunterarbeitete, desto langsamer wurde ich. Von "Heu machen" konnte sowieso keine Rede sein. Irgendwann rupfte und zog ich den Mulch nur noch so aus dem nachwachsenden Gras. Ein Nachbar lieh mir seinen Grasrechen aus Metall. Der war zwar etwas größer, aber auch schwerer. Die Verspannungen im Rücken und im Nacken nahmen zu, ebenso die Blasen an den Händen.

Die Temperaturen näherten sich langsam der 30 Grad-Marke, doch ich wollte jetzt nicht aufgeben. Keinesfalls. Gerade die untere Wiese ist besonders nährstoffreich, hier war das Rechen umso wichtiger, sonst hätte sich der ganze Prozess der Abmagerung um ein weiteres halbes Jahr verzögert.

Während ich so am Rande der Erschöpfung entlangrechte, zirpten um mich herum zahlreiche Heuschrecken. Es war ein einziges Gehüpfe und Geflattere in der Wiese – als ob sie mir sagen wollten: "Jetzt mach' mal halblang, für uns ist das voll ok so." Ein kleiner Trost, denn offenbar hatten all diese Tiere die Mähmaschine überlebt.

Eine häufige Art der Wiese ist außerdem die Kriebelmücke. In diesen Wochen durfte ich ausgiebig mit ihr Bekanntschaft machen. Als Süddeutsche ist mir zwar die Bremse vertrauter, doch die Kriebelmücke steht ihr in nichts nach. Zeitweise war sie so aufdringlich und stach so empfindlich zu, dass ich nicht weiterarbeiten konnte.

Und dann... fast hatte ich nicht mehr daran geglaubt, doch dann kam der Tag, da war ich unten angelangt. Der letzte Quadratmeter war zusammengerecht, unfassbar! Am liebsten wäre ich sofort in einen kühlen See gesprungen oder in Urlaub gefahren. Aber leider, leider – dies war immer noch nicht das Ende. Nun mussten noch alle Mulchberge mit Big Bags nach unten geschleppt und dort in die städtische Mulde gewuchtet werden.

Die Mulde. Leider kam sie viel viel später als erwartet. Auch die Nachbarn schienen zu warten, denn ihr Heckenschnitt lag nun schon seit zwei Wochen auf der Wiese. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt... Für mich hieß das jedenfalls, dass ich das Gras nicht direkt aus den Säcken in die Mulde kippen konnte wie geplant, sondern dass ich es auf der unteren Wiese wieder ausleeren und zwischenlagern musste. Dadurch schimmelten die Mulchberge im Inneren, und unter ihnen entstanden im Laufe der Tage kahle Stellen auf der Wiese.

Doppelte Arbeit also, Schimmelstaub, und das bei weiter steigenden Temperaturen. Und tatsächlich fand sich der Heckenschnitt ungefragt in der Mulde wieder, kaum dass sie auf der Fläche stand. Ich war sauer. Mehrmals wollte ich die Heugabel in die Ecke werfen, aber das hätte ja an den Bergen nicht viel verändert.

Letztlich kamen 15 Kubikmeter Mulch zusammen, eine große und eine kleine Mulde. Die ganze Aktion war eine einzige Maloche. Im Rückblick denke ich, ich hätte besser gewartet, bis ich eine Sense habe und das Heu dann einem Pferdehof angeboten. Zum Heumachen war der Sommer 2019 jedenfalls perfekt. Und ich hätte ja abschnittsweise mähen können, ganz so, wie es meine Zeit erlaubt.

Lektion 1 also in Sachen Extensivierung: Geduld und Gelassenheit.

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